Antje Bleck
Zeitzeugen

Die Zeit läuft mir davon... Mit diesem unangenehmen Gefühl, der Zeit seit Jahren  hinterher zu rennen und meinem sich veränderten Lebesgefühl hier auf der Insel – ein kleines Fleckchen Erde mitten im Atlantik, wo die Zeit ganz anders geht, als ich es bis dahin kannte, habe ich begonnen mich mit diesem Thema auseinander zu setzen.
Zeit ist in den hochindustrialisierten Gesellschaften zu einem knappen Gut geworden: Wir müssen Zeit sparen, denn Zeit ist Geld und dabei immer schneller und schneller werden. Sinnliche, besinnliche Stunden werden dann zu vertaner Zeit, verplemperter Zeit, die zunehmend negativ bewertet wird.
Warum das so ist, ist nicht meine Frage. Mich interessiert vielmehr die Bedeutung und Wirkung dieser Entwicklung für die Menschen und unsere Mutter Erde.
Ich beobachte, gebe mir die Zeit, fühle hinein und suche Antworten auf die Frage:
Was können wir tun?

Ich lerne mit der Zeit, lerne mich mit ihr so zu bewegen, dass ich im Rhythmus unserer Erde bin und mein Tempo mit der Drehbewegung der Erde in Einklang kommt. Mein größter Lehrmeister zu diesem Thema ist die Erde selbst. Ich begebe mich an besondere, kraftvolle Orte in der Natur, konzentriere mich und befrage den Ort, was er zum Thema Zeit zu erzählen hat. Ich singe eine Melodie, die mir intuitiv einfällt, tanze, verbrenne Räucherwerk... beginne zu zeichnen, dann, wenn die Zeit dafür gekommen ist.

Dieses mal sind die neuen Arbeiten in einer wilden, farbenreichen Bucht im Nordwesten von La Palma entstanden. An einen Ort, den nur sehr wenige Menschen kennen, weil ihn zu erreichen beschwerlich ist.
Teure Zeit...
Ein Ort voller Zeit-Zeugen, dessen Zeit-Rythmus das Meer bestimmt. Das Meer. Eine der größten und uns fremdesten Welten, unaufhörlich in Bewegung, dessen rhythmische Bewegungen mit der Zeit Geschichten in unsere Erde einschreibt und wundersame Gebilde modelliert. Ich nehme mir die Zeit dem Meer aufmerksam zuzuhören, zeitlos, unbeeinflusst von menschlicher Zeit, ohne Zeitgefühl...
Zeit wird zur Illusion.
Ich betrachte die Steine, die Felswände, die üppige, grüne Pflanzenwelt an den oberen steilen Hängen, die niemals still stehenden Formen des Wassers und fühle in das Zeit – Geschehen der Erde, in den Augenblick hinein. Das ist Reichtum, und große Freude erfüllt mein Herz.

Meine Arbeiten möchten diese Fülle in die Welt hinaus geben und die Menschen an die Sprache der Erde erinnern, sie teil haben lasssen, sie auffordern aufmerksam und achtsam zu sein für die Qualität des Moments. Der Mensch versucht schneller zu sein, als die Erde sich bewegt. Statt sich konstruktiv fortzubewegen, zerstört er mit seinem rasenden, produktiven Schaffen die Natur und das in einem Tempo, das erschrickt. Es geht mir nicht darum zu kritisieren. Ich möchte wahrnehmen, Zeuge, Zeitzeuge des Moments sein und Sie einladen, daran teil zu nehmen.

Schauen Sie in meine Bilder hinein, nicht nur drauf. Nehmen Sie sich die Zeit, die Kraft und die Qualität der Zeit zu spüren, die jedes Bild in sich trägt, betrachten sie jede feine Linie im Bild. Lassen sie sich eine Geschichte erzählen und spüren Sie in Ihr Inneres während des Betrachtens. Vielleicht werden Sie merken, dass die Zeit einfach ist. Es gibt nichts zu gewinnen oder zu verlieren, auch nichts zu verstehen. Oder vielleicht doch? Schauen, fühlen und sein. Jetzt.

Lange habe ich darüber nachgedacht und Menschen gefragt, was Zeit – Zeugen, der Titel meiner Ausstellung bedeutet. Diese Frage habe ich dann an das Meer übergeben und die Anwort war: ALLES WAS IST.
Zeuge sein bedeutet Betrachter, Wahrnehmende zu sein (so wie Sie hier in dieser Ausstellung auch).
Auch meine Bilder sind Zeugen der Zeit. Deshalb habe ich neben neuen Werken auch alte Bilder ausgewählt, die aus meiner Vergangenheit kommen. Sie sind Manifestation meiner Wahrnehmung zu einer bestimmten Zeit.
Was sie ebenfalls entdecken können ist der Zeitwandel, den ein Bild in dem Zeitraum erfährt, während dem ich es beobachte, erforsche und für mich den Schlüssel finde, das in ihm Wesentliche deutlich zu machen. Neben einigen Bilder hängen Fotos, die zeigen, wie das Bild war, nachdem ich es dem Meer übergeben hatte.
Das fertig entschlüsselte Bild erzählt die Geschichte von dem Ort, wo es entstanden ist und dem Zeitraum in dem ich mich im Bild bewegt habe. Das Malen an sich ist der Prozess, in dem ich Antworten finde, die ‚Sprache der Welt’ spreche, mich ganz  in der Gegenwart befinde, ohne auf das Plappern meiner Gedanken zu achten, ein meditativer Zustand.

Meine Wahrnehmung der Zeit durchlebt seit meinem Leben auf der Insel einen Wandel: Die Elemente deutlich spürbarer, laden dazu ein dem Sein in der Natur viel mehr Aufmerksamkeit zu schenken und mit dieser fühle mich in einen natürlichen Rythmus eingebunden. Es ist das Wetter und der Wechsel von Hell zu Dunkel, die den Tag in Zeiten einteilen und viel weniger die Uhrzeit. Je mehr Zeit ich mir nehme mit dem Malen am Ort einzutauchen, desto wachsamer und achtsamer werde ich auch für die unzähligen, wertvollen Momente im alltäglichen Leben. Ich werde langsamer, nehme mir mehr Zeit, plane nicht mehr so viel; nähere mich der Stille, des So-Seins an.

Es ist der Augenblick, das Jetzt, die Freude des Daseins,die „meer ZEIT„ verspricht und zu der ich Sie herzlich einladen möchte.