Antje Bleck
Pele & Kananaka

Einleitung von Antje Bleck

Ich halte mich für meine schöpferische Arbeit längere Zeitabschnitte auf La Palma auf, eine kleine Insel inmitten des meist tosenden Atlantik, bestückt mit einem tätigen, aber schlummernden Vulkan, ausgesetzt sehr kraftvoller Winde, gebaut auf steiniger, junger Erde mit üppiger Vegetation. Wer hier einmal einen wahren Sturm erlebt und anschließend sein Land betrachtet hat, erfährt deutlich, wie schnell sich das Gesicht von Mutter Erde wandeln kann und wie sehr unsere menschliche Existenz davon abhängt, wie die Elemente unseren Planeten gestalten.

Es sind auch die Elemente, die im Zuge der irdischen Evolution jetzt immer deutlicher spürbar für uns Menschen werden. Tatsächlich werden sie immer mehr zum allgemeinen Thema. Es kommt mir so vor, als wolle uns die Erde daran erinnern, welche Energie in ihr steckt – wertvolle Energie, die wir für uns nutzen können, wenn wir sie zu wandeln wissen. Die Zeit des Nehmens, ohne auf ein Gleichgewicht zu achten und einen Kreislauf entstehen zu lassen, geht zwangsläufig auf ihr Ende zu. Vielen Menschen wird das immer bewusster, der Mehrheit aber nur durch den spürbaren Verlust von Materie. Nachdem ich mich im letzten Jahr mit dem Thema Evolution beschäftigt habe, musste ich feststellen, dass dieses Thema endlos und zeitlos ist und sich tief in mir verwurzelt hat. Dieses Jahr wusste ich erst nicht, wohin es mich trägt. Da war kein Mangel an Ideen und Inspirationen, sondern im Gegenteil, zu viele Themen auf einmal, die auf mich einströmten. Geschichten von Menschen in meiner näheren Umgebung bis hin zu weltbewegenden Ereignissen ... Sehr aufregende, ja „Wilde Zeiten“ mit schnellen Wechseln und erschütternden Veränderungen erfuhren ich und viele andere Menschen als das Thema dieses Jahres. Leben und Tod, Liebe und Macht, Trauer und Freude ...

Gegensätzliche Kräfte begegnen sich, reiben sich, Strukturen fließen ineinander und ergeben neue Töne und Bilder, Harmonie oder Disharmonie entsteht, Altes löst sich auf, Raum für Neues entsteht. Immer entsteht ein neuer Klang und auch wenn es manchmal sehr schmerzt, weiß eine wilde Weise in mir, dass alles gut und richtig ist, so wie es ist. Ich bin einer dieser Töne. Meine Arbeiten sind Töne. Wir alle zusammen sind Klang. Meine Arbeiten möchten das Aufeinandertreffen von Gegensätzen in einem Bild sichtbar machen und spiegeln diese Zeit der großen und schnellen Bewegungen. Sie möchten die Menschen daran erinnern, dass Leben Bewegung und Reibung ist. Stillstand und stetige Harmonie gibt es nicht.

Für mich und meine Arbeit ist es wichtig eine direkte Berührung mit den Elementen zu erleben. Während dem Malen am Wasser und besonders mit dem Meer, erfahre ich zudem ein tiefes Gefühl der Verbundenheit und der Liebe. Über dieses Gefühl wiederum bekomme ich einen Teil der Geschichte der Erde erzählt. Was kann ich von Herzen malen, wenn nicht das, was gerade jetzt geschieht und uns alle auf vielen verschiedenen Ebenen betrifft und berührt.

Dieses Gefühl wurde diesmal intensiviert und meine Malerei sehr beeinflusst durch das Erlernen und die tägliche Praxis traditioneller Tänze aus Hawaii, einer Insel, die La Palma in verschiedener Hinsicht sehr ähnlich sein soll.
So lernte ich Hula kennen, hawaiianische Tänze, deren Bewegungen mein Körper dankbar aufnahm und deren kitschig-liebliche Musik und die hawaiianische Sprache mich zutiefst berührten. Besonders faszinierte mich, dass jede Geste des Tanzes eine Bedeutung hat. Jeder Tanz erzählt eine Geschichte über die Natur, deren Götter, die allumfassende Liebe und die Schönheit und Kraft der Elemente, des Universums und das Menschsein darin.

Feuer und Wasser ... Wie selten sind uns diese Kräfte in unseren sogenannten zivilisierten Kulturen wirklich bewusst oder gar nah. Erst wenn „Pele“, die (hawaiianische) Feuer- und Vulkangöttin die Erde rumpeln lässt, oder „Kananaka“, die Meeresgöttin,
unsere Heimat überschwemmt, erinnern wir uns wie bedeutungsvoll und existenziell diese Energien für unser Dasein und unseren Fortbestand sind. Wir können die evolutionären Veränderungen nicht aufhalten, und auch nicht, dass unser Leben und unsere Umgebung sich ändert, aber wir können uns mit dieser Entwicklung bewegen, uns auf die bevorstehenden Veränderungen einlassen, mit ihnen fließen, Sinn und Freude darin finden, sie für uns nutzbar zu machen.

„Wenn du tanzt, dann singt dein Herz und es steigt hinauf zum Himmel.“

(Aus dem Film „Monsieur Ibrahim und die Blume des Koran“)

Ein weiterer wesentlicher Teil meiner Arbeit ist das Betreten eines Bildes, das „Hineinschauen“, die ausgiebige Betrachtung. Sich einlassen, Bewegung im inneren Raum wahrnehmen und diesen dann zum Ausdruck bringen. Ich habe allen Betrachtern meiner Bilder gegenüber den Vorteil, dass ich das Bild während der Entstehung zur Verarbeitung und Umsetzung meiner Erlebnisse benutzen kann. Als ich eines Tages Gedichte zu zwei meiner Bilder in meinem Postfach fand, wurde mir bewusst, dass selbst das fertige Bild nichts Statisches ist. Es dient wiederum anderen Menschen, in den eigenen Fluss zu steigen. Es ist eine Muse und ein Spiegel. Dieses Erlebnis hat mich zutiefst berührt und mir wieder gezeigt, dass nichts wirklich zu Ende ist, sondern sich in weiterer Verwandlung befindet. Ständig baut das Eine auf das Nächste auf. Welch beruhigender Gedanke.

„Callejonsito“, böiger, starker Wind, kein Sand am Strand, nur dicke Steine und Felsen, wolkenfreier Himmel, Wind auch auf dem Wasser, Steinschlag von den felsigen Hängen in der Bucht. Erschwerte Bedingungen für mein Vorhaben, dadurch aber interessant.
Ich habe zwei Bilder zum Wässern dabei und weiß jetzt schon, dass auch ich nass werde. Ich hoffe und bitte darum, dass Pele mich mit ihrem Steinchengeschleuder verschont. Ein Überhang und der Schutzkreis, den ich mit meinem Atane’ gezogen habe, geben mir Schutz, zumindest dort, wo ich meinen Ausgangspunkt gewählt habe.
Die Wellen sind glücklicherweise relativ gleichmäßig hoch. Das erleichtert es mir, einen Platz zum Wässern zwischen den glitschigen Steinen zu finden, ohne dass die Meereswelle mich selbst umwerfen könnte, statt nur auf dem Papier umwerfende Geschichten zu hinterlassen.

Das Wasser berührt nur kurz und heftig das Papier in meinen Händen, der Wind zerrt daran, fast reißt das Papier ein und ich hinterlasse Knicke und Fingerabdrücke an den Bildrändern. Leider kein Sand, der die Farbstreifen anlöst. Eine „klare Aussage“ wird gemacht und ich bekomme bis hin zu den spitzen Sonnenstrahlen alle Elemente hautnah zu spüren. Ein „Fluchtweg“ war schon ausgedacht, in der Nähe ein flacher Stein, um das flatternde Bild eine Weile mit Steinen zu fixieren, bis ich es dann, im Wind wedelnd, zu meinem geschützten Platz tragen kann. Kananaka streicht mir über den Rücken, sanft und kalt, während ich vor den verlaufenden Farben hocke. Ich zucke überrascht über die plötzliche Berührung zusammen. Entfernt ein einzelner Mensch am anderen Ende der Bucht. Kleine Steine hüpfen plötzlich um mich herum, einer trifft mich fast ... „Wilde Zeiten“, denke ich. Dank dem Ort, der Sonne, dem Meeresgesang und für die zwei neuen Bilder, Kananaka und Pele in der Begegnung – Aloha!